Am Strand gibt’s keine Einbahnstraßen

So eine Saison! Erst gab es gar keine Touristen und dann plötzlich den Massenansturm. Darunter viele Menschen, die noch nie auf Sylt waren, die Corona sei Undank gezwungenermaßen das geliebte Malle, den Goldstrand oder Antalya gegen einen Urlaub an der Nordsee eintauschen mussten. Aber wenn schon kaltes Meer ohne Sonnen- und Temperaturgarantie, dann wenigstens die bekannteste Insel von allen, die, wo vermeintlich am meisten los ist. Die, von der man am meisten zu wissen glaubt: Sylt also.

Sie machen Anfängerfehler. Sie sind nicht vertraut mit den Gezeiten, der Gewalt des Meeres und dem Küstenschutz sowie anderen “Spielregeln”, die hier herrschen. Kurz, man sieht ihnen an, dass sie zum ersten Mal hier sind.

Das fängt schon in Niebüll bei der Autoverladung an. Roter Zug, blauer Zug – hektischer Spurwechsel. Und wenn das Auto auf dem Zug eingewiesen und zum Stillstand gekommen ist – was macht man dann? Die freundlichen Durchsagen weisen darauf hin, die Scheinwerfer auszuschalten, aber das Lenkradschloss nicht einrasten zu lassen. Das heißt für manche Unwissende: Die Klimaanlage des Fahrzeugs läuft weiter, je höher die Außentemperatur, um so intensiver. Die böse Überraschung bei der Ankunft in Westerland nach 45 Minuten? Die Batterie ist leer. Das Auto lässt sich nicht starten. Alle, die dahinter stehen, freuen sich mit. Es dauert, bis ein “Liegenbleiber”, so nennen es die freundlichen Verlademitarbeiter, vom Zug runter ist. Herzlichen Glückwunsch, Neuling! Das Abenteuer Sylt kann – wenn auch mit Verspätung – beginnen.

Mehr Kunden, weniger Mitarbeiter. Eigentlich ist man es auf der  Insel gewohnt, jeden Tag frische Brötchen zu bekommen. Das sei nicht durchzuhalten, hört man vom größten Bäcker auf Sylt. Mitarbeiterinnen fielen aus, weil sie zu Hause ihre Kinder betreuen mussten, als die Krippen und Horte geschlossen waren. Auch war ein höherer Krankenstand zu beklagen. Aber mindestens ein freier Tag pro Woche steht allen zu. Jetzt bleiben die Bäckereien sonntags geschlossen, und es ist kein Drama. Schließlich ist es jetzt der einzige Tag in der Woche, der auch für die Touristen anders beginnt als in der Warteschlange vor der Bäckerei.

Nun ist in der Sonne zu stehen nicht unbedingt ein Problem. Aber anders, als wenn sich alle in einem Ladenlokal drängen, kommt einem die Warterei länger vor. Vielleicht liegt es nur daran, dass man sich die Zeit nicht damit vertreiben kann, das Angebot zu studieren oder die Frühstücksvorlieben der vor mir ihre Bestellungen aufgebenden Menschen kennenzulernen. Vielleicht dauert es aber tatsächlich länger, weil ich ein ganz bestimmtes Gebäck im Sinn habe und erst, wenn ich vor der Theke stehe, erkennen muss, dass es ausverkauft ist. Was nehme ich alternativ, vor allem für meinen Miturlauber, der draußen wartet. Mal eben zur Tür, und der Dialog beginnt: “Kieler sind aus, was möchtest du alternativ?” “Was haben sie denn sonst?” Was soll man darauf antworten, soll man in den Laden hineinrufen “Was haben Sie denn sonst”? Mit Maske kommt die Frage nicht bei der gleichbleibend freundlichen und geduldigen Verkäuferin an, und ihre Aufzählung nicht bei mir. Schließlich nimmt man irgendwas, damit das Murren der anderen Wartenden endlich verstummt. Schließlich hat man ja Urlaub, und alles ist irgendwie lecker bei diesem Bäcker.

20200920_120057[1]Dass es auf der Insel meistens windig ist, wissen auch Touristen. Deshalb gibt es hier Bügel, mit denen die Flügel von Schwingtüren zusammengehalten werden.  Diese Art des Verschlusses ist aber den meisten Menschen aus anderen Teilen der Welt fremd. Folglich macht sich kaum jemand die Mühe, das Törchen nach dem Eintreten oder beim Verlassen wieder zu schließen. Warum ist das eigentlich so schwer?

Nicht jedes Seehundbaby ist ein Heuler. Alle, die noch gestillt werden, deren Mütter nur gerade auf Fischfang sind, heulen nicht. Aber wenn eines heult, dann gilt: Hände weg und 112 anrufen. Zum Glück wurde in diesem Sommer kein Heuler auf Sylt gefunden. Aber Seehunde kann man vor Sylt beobachten – zum Beispiel bei einer Fahrt zu den Seehundsbänken, manchmal aber auch von der Sylt-Fähre aus. Die wird übrigens bald ausgemustert und nach Griechenland verkauft. Schon im nächsten Jahr soll es gasbetriebene moderne Schiffe geben, die Rømø und List verbinden.

Auch auf Sylt haben Geschäfte und Restaurants Einbahnstraßen eingeführt, um die Besucherströme zu leiten. Wer mehrere Türen hat, lässt die Menschen durch die eine eintreten und durch die andere das Lokal verlassen. Orientieren soll man sich an den Pfeilen auf dem Boden. Das endet zuweilen in einer Art Labyrinth, und wehe, es fehlen schon ein paar dieser Markierungen.

Wer zum Beispiel die Regelungen rund um den Baldeneysee oder auf dem Rheinboulevard in Köln kennt, darf aber am Meer aufatmen. Für den Strandspaziergang  wird keine Richtung vorgegeben, und man darf den Strand an jedem Aufgang betreten und auch wieder verlassen. Für das Zeremoniell des Sonnenuntergang-Schauens auf der Promenade am Westerländer Hauptstrand würde man sich die Einbahnstraße oder zumindest ein Rechtslaufgebot allerdings wünschen.

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