Migranten und die Zukunft Europas

Der folgende Beitrag zum Thema “Flüchtlinge” hat mich sehr berührt. Der Autor, Basil Kerski, ist Chefredakteur des Deutsch-Polnischen Magazins DIALOG und Direktor des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig. Ich veröffentliche ihn hier, damit er mehr Leser erreicht. Bitte nehmt Euch die Zeit für diese persönlichen, deutsch-polnischen Überlegungen meines geschätzten Kollegen:

Migranten und die Zukunft Europas

Der Begriff der europäischen Solidarität wird in immer enger verstanden, und dies betrifft nicht nur die wohlhabenden Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, sondern auch jene, denen am Erfolg der europäischen Idee sehr gelegen ist. Viele EU-Bürger träumen von neuen Eisernen Vorhängen auf dem Kontinent. Die europäische Politik der offenen Grenzen ist gefährdet. Welch Ironie der Geschichte: Erst im vergangenen Jahr wurde der Abbau des Eisernen Vorhangs durch die ungarische Regierung gefeiert; heute errichten die einstigen ungarischen antikommunistischen Revolutionäre neue Mauern.

Ich erlaube mir, meine Überlegungen mit einem persönlichen Geständnis zu beginnen: Aufgrund meiner Biografie, meiner Familiengeschichte werde ich gegenüber Migranten, Flüchtlingen immer Empathie empfinden. Ich war in meinem Leben mehrmals gezwungen, die Grenzen von Kulturen, Nationen und Staaten zu überqueren. Meine Mutter ist Polin, mein Vater Iraker. Geboren bin ich im kommunistischen Danzig, meine ersten Lebensjahre verbrachte ich in Polen. Als ich mit meinen Eltern im Urlaub im Irak war, wurden wir dort zurückgehalten. Da mein Vater Arzt war, durfte er das Land nicht verlassen, mehr noch – er wurde zur Armee einberufen und einige Zeit später sogar an die Front des irakisch-kurdischen Krieges geschickt. Wir mussten im Irak bleiben. Es war eine schwierige Erfahrung. Später reiste ich mit meiner Mutter zwischen Polen und dem Irak – ich bewegte mich in zwei Kulturen.

Meine Kindheit im Irak war noch eine Zeit der Multikulturalität an Euphrat und Tigris. Ich spielte draußen mit irakischen Christen und Muslimen, in Bagdad lebten damals viele nicht gläubige bürgerliche Familien, die sich am westlichen Lebensstil orientierten. Meine Eltern waren dennoch fest davon überzeugt, dass trotz des wachsenden Wohlstands im Irak, es dort für uns keinen Platz gab; dass Saddam Hussein, der Führer der nationalistischen Baath-Partei, ein totalitäres System aufbauen würde. Meine Eltern stellten sich als weitsichtig heraus, und die politische Entwicklung im Irak bestätigte ihre Befürchtungen.

Sie träumten von einer Ausreise und einem Leben in der Freiheit. Die irakischen Grenzen waren für junge, gut ausgebildete Menschen geschlossen. Mein Vater durfte das Land nicht verlassen. Schließlich gelang es ihm 1976, einen Reisepass zu bekommen, um mit uns zusammen nach Danzig zu reisen. Ein Familienbesuch in Polen stellte für das irakische Regime einen glaubwürdigen Reisegrund dar. Außerdem gab es ja in Polen eine kommunistische Diktatur, Polen steckte in einer tiefen Krise, und so glaubte die irakische Regierung nicht, mein Vater würde seine gute Arztstelle im Irak aufgeben. Die Freiheit stand jedoch für meine Eltern an erster Stelle.

Nach der Flucht kehrten wir in das Heimatland meines Vaters nie wieder zurück. Den Irak zu verlassen, hieß für mich einen neuen Prozess der kulturellen Anpassung zu beginnen. Ich ging auf eine polnische Schule, denn nach meiner Schulzeit im Irak musste ich meine Polnischkenntnisse aufbessern. Aber die Umsiedlung nach Polen sollte nicht die einzige Migrationserfahrung meiner Familie bleiben. 1978 wanderte mein Vater nach West-Berlin aus, da es für ihn im kommunistischen Polen weder einen Platz, noch Aussichten gab. Ein Jahr später schlossen meine Mutter und ich uns ihm an. Erneut fand ich mich in einem neuen Kulturraum wieder und musste eine neue Sprache erlernen.

Die Migrationserfahrungen haben mich wesentlich geprägt, meinen Horizont erweitert. Ich habe den Eindruck, ich kann Europa aus einer breiteren, globalen Perspektive betrachten. In Migration, in der Begegnung von Kulturen sehe ich viel positives Potenzial und nicht nur eine Gefahr. Mir ist bewusst, dass es schwierig ist, zwischen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Migrationsgründen klare Grenzen zu ziehen, zwischen gewöhnlichen Migranten und Flüchtlingen zu differenzieren. Es fällt uns Europäern leicht, über Migranten zu urteilen, sie würden nicht aus politischen, sondern aus „rein“ wirtschaftlichen Gründen Schutz in der Europäischen Union suchen. Dabei wird aber häufig vergessen, in welchem Maße unsere Politik gegenüber anderen Kontinenten oder europäischen Regionen außerhalb der EU zur Armut und zu den Konflikten im Süden beigetragen hat, wie sehr diese Konflikte ein Ergebnis unseres Protektionismus sind – der geschlossenen Märkte und postkolonialen Interessen.

Ich weiß, der Weg zur Integration ist lang und schwierig. Ich hatte die Möglichkeit, den Integrationswillen von Migranten kennenzulernen, ihre große Anstrengung, sich eine neue Sprache und Kultur anzueignen, ich kenne ihren Respekt gegenüber ihrer neuen Heimat. Aber genauso ist mir das Scheitern von Integrationsversuchen bekannt, das zum Beispiel daraus resultieren kann, wenn jemand im fortgeschrittenen Alter ausgewandert und nicht mehr imstande ist, sich in eine neue Gesellschaft einzugliedern. Ich lernte ebenfalls die mangelnde Bereitschaft der Gesellschaft für die Aufnahme von Flüchtlingen kennen, sah verschlossene Türen. Der gute Wille und die Anstrengung von Migranten allein reichen nicht, das ist nur ein Teilaspekt des Integrationsprozesses. Ich erlebte auch die Angst einer Gesellschaft vor dem Anderen – diese Ängste, diese Abneigung sind universell. Für den eigenen Seelenfrieden versuchte ich, die Demütigungen zu vergessen, die mir aufgrund meines Andersseins widerfahren waren. Lieber erinnere ich mich an die positiven Erfahrungen, an die Freundlichkeit, an das Interesse an den Kulturen, die ich in mir trage. Dennoch möchte ich die Probleme mit der Begegnung mit dem Anderen nicht bagatellisieren. Ich bemühe mich, die Angst vor dem Fremden zu verstehen, mich interessiert die Frage, wie sie zu überwinden ist. Wir sollten diese Ängste auf jeden Fall akzeptieren, sie ernstnehmen, die betreffenden Menschen dabei unterstützen, ihre Befürchtungen in Ruhe zu äußern und sie auf diesem Wege vorbereiten, sich gegenüber dem Anderen zu öffnen.

Wären meine Eltern und ich nicht aus dem Irak geflüchtet, wäre ich also nicht selbst ein Flüchtling geworden, wäre ich heute vermutlich nicht mehr am Leben – in den vergangenen 30 Jahren wurde der Irak von mehreren Kriegen heimgesucht, die mich unmittelbar betroffen hätten. Daher liegt mir viel daran, die Flüchtlingsproblematik nicht nur aus dem Blickwinkel jener Staaten zu betrachten, die Flüchtlinge aufnehmen, nicht nur aus der Perspektive ihrer Möglichkeiten, sondern auch die Gegenseite genauer anzusehen: Wer sind die Flüchtlinge? Woher und warum kommen sie zu uns? Vielen Menschen fehlt das nötige Wissen zu diesem Thema. Was uns ebenfalls fehlt, ist eine langfristige Perspektive.

Integration ist nicht nur eine Frage der Anstrengung und Bereitschaft von Migranten, sich in die Kultur des Staates einzufügen, in dem sie sich niederlassen wollen, sowie in die Gesellschaft, die Migranten aufnimmt. Dieser Prozess geht in beide Richtungen, was in den heutigen Debatten nur zu selten thematisiert wird: Integration gelingt, wenn man Flüchtlinge integrieren will, wenn man sie aufnimmt und sie bei ihren Assimilationsversuchen unterstützt. In einem solchen Fall werden sie schnell Teil unserer Gesellschaft, tragen zu deren Wohlstand bei, und ihre Kinder sind natürliche Bürger der Nation, die sie aufgenommen hat. Das ist die vorherrschende Dynamik. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Voraussetzung für eine gelungene Integration der gute Wille und die Offenheit von Gesellschaften sind.

Ich werde erneut auf meine eigenen Erfahrungen zurückgreifen: Nach der Rückkehr aus dem Irak fiel mir der Einstieg in eine polnische Schule sehr schwer. Die kulturelle Verschlossenheit der Volksrepublik Polen war bedrückend, Rassismus war präsent. Kinder riefen mir „Araber, Araber“ hinterher. Aber bereits nach einem halben Jahr wurde ich zum festen Bestandteil meiner Schulklasse. Dies war in Hinsicht auf die polnische Gesellschaft eine interessante Erfahrung: Sie reichte von anfänglicher Abneigung bis hin zu vollkommener Akzeptanz. Ich habe verstanden, dass diese Gesellschaft widersprüchliche Elemente in sich birgt – nicht nur Ängste und Vorurteile, sondern auch ein Potenzial an Toleranz und Brüderlichkeit, nur muss verstehen diese positiven Energien freizusetzen – in diesem Punkt sind Autoritäten gefragt.

Wie bereits erwähnt, fand ich mich Ende der 1970er Jahre in West-Berlin wieder. Damals hatte die Bundesrepublik bereits einige Erfahrungen in der Aufnahme von Migranten, wehrte sich aber noch gegen die Idee einer multikulturellen Gesellschaft. Ein Hindernis auf dem Weg zu einer solchen Gesellschaft war die deutsche Interpretation des Staates als ethnische, nicht politische Gemeinschaft. Wer deutsche Vorfahren hatte, konnte seinen Aufenthalt sofort legalisieren, bekam die Möglichkeit, an einem Deutschkurs teilzunehmen, erhielt finanzielle Unterstützung; auch Studienabschlüsse wurden problemlos anerkannt. Niemand fragte, wer seine Vorfahren eigentlich waren – vielleicht handelte es sich dabei um deutschsprachige Polen? Die Vorstellung, dass man Menschen in Mitteleuropa nach derart einfachen ethnischen Kriterien definieren kann, ist eine gefährliche Illusion.

Anfangs lebte meine Familie ohne Hoffnung auf eine schnelle rechtliche Regelung ihres Aufenthalts. Unsere „Rettung“ war die Verhängung des Kriegsrechts in Polen im Dezember 1981, die – so schien es – unsere potenzielle Rückkehr verhinderte. Die bundesdeutschen Behörde n konnten uns nicht mehr ausweisen, außerdem bekam mein Vater, als Iraker, politisches Asyl und konnte seinen Beruf als Arzt ausüben.

In Deutschland, wo die Einwanderungspolitik nach wie vor nicht optimal geregelt ist, sind seit dieser Zeit einige wichtige Änderungen vorgenommen worden. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre (während der rot-grünen Regierungskoalition) begann die Bundesregierung offen darüber zu sprechen, dass Deutschland eine Nation von Zuwanderern, ein multikultureller Staat sei, der seit Jahrzehnten Einwanderer aufnähme. Die Generation der Kinder der ersten Gastarbeiter betrat die politische Bühne. Es begannen Reformen des Staatsangehörigkeitsrechts, die Definition der Nation wurde um eine politische Komponente erweitert. Im Endeffekt ist heute auch jener Bürger ein Deutscher, der keine deutschen Vorfahren hat. In immer mehr Fällen wird auch eine doppelte Staatsbürgerschaft akzeptiert. Es ist eine politische und kulturelle Revolution. Auch gibt es Änderungen im Bildungsbereich, die die multikulturelle Geschichte Deutschlands berücksichtigen. In den Schulprogrammen taucht die Geschichte Mitteleuropas auf, es werden Sprachen unterrichtet, die von großen Migrantengruppen gesprochen werden (Türkisch, Italienisch, Spanisch, aber auch – wie an der Schule, die mein jüngerer Sohn in Berlin besucht – Polnisch).

Im Kulturbereich, in der Politik und in den Medien tauchen immer häufiger starke Stimmen von Personen mit Migrationshintergrund auf, die bereits in Deutschland geboren sind, ausgezeichnetes Deutsch sprechen und ihre Zugehörigkeit stark hervorheben. Ein solches Beispiel ist der Chef der Grünen Cem Özdemir, die stellvertretende Regierende Bürgermeisterin von Berlin Dilek Kolat, der Filmregisseur Fatih Akim oder ganz und gar deutsche Schriftsteller wie Ilija Trojanow und Navid Kermani.

Gewiss ist es erst der Anfang einer kulturellen Öffnung Deutschlands. Es ist noch zu früh, um von einem positiven „deutschen Modell“ der Integration zu sprechen. Dieser Prozess stößt auch auf Proteste, wie die der fremdenfeindlichen, antiislamischen Bewegung PEGIDA, die paradoxerweise dort am stärksten vertreten ist, wo es keine Ausländer gibt: in Sachsen und in den anderen östlichen Bundesländern.

Aber bereits heute lassen sich positive Aspekte in der Entwicklung der politischen Kultur der Berliner Republik feststellen. Die Solidaritätswelle mit den Flüchtlingen aus dem Süden, die seit einigen Monaten zu beobachten ist und die an die Solidaritätswelle mit der polnischen Solidarność in den 1980er Jahren erinnert, ist kein Ergebnis einer „naiven“ politischen Korrektheit. Genauso wenig, wie es in Polen häufiger geschrieben wurde, das Ergebnis „eines schlechten Gewissens aufgrund der deutschen Verbrechen während des Dritten Reichs“. Die Bereitschaft zur Hilfe ist eher auf Erfahrung mit Einwanderern zurückzuführen. Für die heutigen Deutschen sind Flüchtlinge, Migranten keine Phantome. Sie sind ihre Nachbarn, und das bereits seit Jahrzehnten. Die Deutschen sammelten gute Erfahrungen mit Einwanderern, sogar mit jenen, die aus fremden Kulturen kamen.

In Polen hingegen wird zurzeit eine absurde Debatte über die Gefahren der Migration geführt und insbesondere der Einwanderung von Muslimen. Der Ursprung dieser Ängste sind keine unmittelbaren Erfahrungen, da in Polen nur 0,3 Prozent Ausländer leben und das Land kaum direkte Kontakte mit dem Islam hat. Nur einige wenige Polen sehen ein, dass Muslime aus Syrien vor dem radikalen Islamismus flüchten und ein Großteil der islamischen Welt den Islamischen Staat verurteilt, der ja keine religiöse, sondern eine totalitäre, faschistische Bewegung ist. Die Deutschen können zwischen dem Islam und dem politischen Radikalismus, der sich Religion auf die Fahne schreibt, unterscheiden, da sie mit Muslimen seit Jahrzehnten zusammenleben.

Man sollte sich auch die Tatsache vergegenwärtigen, dass Europa als Kontinent an den dynamischen Migrationsprozessen nur wenig beteiligt ist. Starke Migrationswellen entstehen dort, wo Staaten zusammenbrechen und Kriege geführt werden – im Nahen Osten, in Afrika, in Südamerika. 90 Prozent der Flüchtlinge aus Syrien werden heute von den Nachbarländern aufgenommen: vom Libanon, von Jordanien und der Türkei. In der Türkei halten sich etwa zwei Millionen syrische Flüchtlinge auf, Hunderttausende flüchteten in den Libanon und nach Jordanien, nur ein Teil von ihnen versucht, nach Europa durchzukommen. Und angesichts dieser Sachlage will Polen noch überlegen, einige Tausend Flüchtlinge aufzunehmen?

Im Großen und Ganzen gibt es derzeit vier Quellen für Migrationswellen in die Europäische Union: Die erste von ihnen ist in Nord- und Zentralafrika zu verorten, wo verschiedene Faktoren zusammenkamen: klima-, ethnisch und religionsbedingte Kriege, die einen Zusammenbruch von Staaten zur Folge hatten. Eine wichtige Rolle spielte auch das teilweise Scheitern der arabischen Revolutionen (ausgenommen Tunesien, wo die Revolution den Weg für die Transformation öffnete), das zu ernsthaften Unruhen beispielsweise in Libyen führte.

Die zweite Quelle befindet sich im Nahen Osten, wo die Zahl der Opfer des syrischen Bürgerkrieges unerwartet groß ist. Von großer Bedeutung ist auch die Erosion des irakischen Staates und das Vorgehen des Islamischen Staates, die Fluchtversuche aus der Region nach sich ziehen.

Die dritte Quelle stellt der Krieg in der Ukraine dar. Bisher fanden große Migrationswellen nur innerhalb der Ukraine statt, wo die Selbstverwaltungen der Zielregionen den Aufenthalt der Ukrainer aus dem Osten organisierten. Sollte die politische und wirtschaftliche Lage in der Ukraine noch stärker destabilisiert werden, wird die Migration in Richtung Westen zunehmen.

Ich habe nicht den Eindruck, dass politische Flüchtlinge und Menschen, die vor Konflikten flüchten, die Sorgen innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten verstärken. Denn bisher zeigten sich die EU-Bürger gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak eher empathisch. Anders verhält es sich in Bezug auf die vierte Migrationsquelle: die Wanderungen innerhalb Europas – aus dem Osten (darunter auch aus Polen) und dem Süden in die reichsten EU-Länder: nach Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Schweden. Die europäische Migrationswelle aus den ärmeren Regionen in die wirtschaftlich starken Zentren des Kontinents stellt für die EU-Länder eine große politische Herausforderung dar, denn sie wird zur Antriebskraft für die Entstehung antieuropäischer Haltungen, für die Nostalgie nach einem exklusiven, nicht solidarischen Europa, für die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft wohlhabender Länder, die sich von den armen europäischen Nachbarn im Osten und Süden abgrenzen. Im Endeffekt träumen viele EU-Bürger von neuen Eisernen Vorhängen auf unserem Kontinent. Die europäische Politik der offenen Grenzen ist gefährdet. Welch Ironie der Geschichte: Im vergangenen Jahr wurde der Abbau des Eisernen Vorhangs durch die ungarische Regierung gefeiert, und heute errichten die einstigen ungarischen antikommunistischen Revolutionäre neue Mauern.

Der Begriff der europäischen Solidarität wird immer enger verstanden, und dies betrifft nicht nur die wohlhabenden Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, sondern auch jene, denen am Erfolg der europäischen Idee sehr gelegen ist. Die negativen Äußerungen polnischer Politiker über die Solidarität der europäischen Länder in der Frage der Migrationspolitik haben die Position Polens auf der internationalen Bühne geschwächt. Will Polen seine starke Position in Europa beibehalten, darf es sich vor einer aktiven Beteiligung an der EU-Flüchtlingspolitik nicht drücken. Eine Krise des europäischen Solidaritätsbegriffs würde Polen schwächen und EU-Gegner stärken. Ausgerechnet Polen sollte viel daran liegen, dass das europäische Solidaritätsverständnis nicht an Glaubwürdigkeit verliert, davon hängen die Weiterentwicklung des polnischen Staates sowie seine Souveränität ab. Polen brauchen finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau ihres im Zweiten Weltkrieg und im Kommunismus zerstörten Landes; die polnische Sicherheitspolitik braucht die Solidarität Europas mit der um ihre Souveränität kämpfenden Ukraine, Polen ist Initiator der Idee der europäischen Energie-Gemeinschaft, welche Europa vor der neoimperialen Politik Russlands schützen soll. Um die strategischen Ziele seiner Politik umzusetzen, sollte Polen solidarisch sein, mit den Ländern, die Hilfe bei der Integration von Flüchtlingen benötigen. Die Haltung gegenüber den Herausforderungen der Migration wird somit zum entscheidenden Testfall für die polnische Europa-Politik.”

Basil Kerski

Aus dem Polnischen von Monika Satizabal Niemeyer

 

 

 

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