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Verhängnisvolle Fehler

Die Hauptreisezeit des Jahres ist vorbei. Da kann man es wagen, ein Buch vorzustellen, das bei Zartbesaiteten durchaus geeignet ist, Flugangst zu wecken, sich für Flugbegeisterte hingegen als ideales Weihnachtsgeschenk erweisen dürfte. Es handelt sich um „Pilotenfehler“ von Jean-Pierre Otelli, den fünften Band der Serie „Erreurs de Pilotage“. Es ist der erste Band in deutscher Übersetzung. In seiner Muttersprache ist der fleißige Schreiber bereits bei Band elf angekommen.

Im Vorwort des vorliegenden Buches äußert der Autor die Vermutung, dass er gerade für dieses scharf kritisiert werde. Denn es enthält das Absturzprotokoll des A330-Fluges von Rio nach Paris am 1. Juni 2009. Dieses zunächst unerklärliche Unglück hat viele Gemüter bewegt und Anlass zu diversen Verschwörungstheorien gegeben, bis die Ursache „Pilotenfehler“ feststand.

So ist es mit allen von Otelli geschilderten und aufgearbeiteten Abstürzen. Der selbst überaus erfahrene Pilot weist anhand der jeweiligen Protokolle zweifelsfrei nach, dass nicht die Technik sondern der Mensch im Cockpit versagt hat. Dennoch leitet er daraus keine Schuldzuweisungen ab. Denn das, was in Cockpits tagtäglich geschieht und in den beschriebenen Fällen geschehen ist, sind kleine Unaufmerksamkeiten oder Nachlässigkeiten, die jedem bei der Arbeit unterlaufen können. Sie lassen sich in der Regel auch am Arbeitsplatz Cockpit ausgleichen, ohne dass je jemand davon erfährt. Denn moderne Flugzeuge sind sicher, leicht zu steuern und verzeihen fast alle Fehler: „Das führt dazu, dass sich die Ausbildungsmethoden geändert haben“, schreibt Otelli, sie seien heute sehr viel weniger komplex, aber „es wäre Zeitverschwendung, heute Kosmografie zu studieren, wo doch das Flugzeug seine Route genau kennt und niemanden für die Navigation benötigt. Das Problem ist nur, dass einige Piloten deshalb unter bestimmten Voraussetzungen schon durch eine kleine Panne verunsichert werden können, über die die Veteranen nur müde lächeln würden.“

Kommt es zu einem Unglück, dann neigen Fluggesellschaften dazu, die Fehler in der Technik zu suchen – und Untersuchungsergebnisse so lange wie möglich zurückzuhalten. So hat die ganze Welt zwei Jahre lang gerätselt, was mit dem Flug AF 447 von Rio nach Paris über dem Atlantik passiert sein könnte – Raum für Verschwörungstheorien verschiedenster Art. „Das Problem ist, dass ein Airbus ein unglaublich gutmütiges Flugzeug ist“, schreibt Otelli. Hätte den Piloten die Kenntnis der Konstellationen am Sternenhimmel womöglich geholfen, ihre Fehler zu korrigieren?

Der Rio-Paris-Absturz wird in die Annalen der Luftfahrt eingehen. Er wirft aber auch Fragen in Bezug auf die moderne Flugsicherheit und die Schulung der Piloten auf. Gut, dass sie wenigstens einer stellt!

Jean-Pierre Otelli: Pilotenfehler 5, Éditions JPO, 2017, ISBN: 9782373010602

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