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Wald aus Kristall

Sie könnten skandinavischen Legenden entstammen – die gläsernen Baumgeschöpfe von Bruno Pedrosa und Simone Crestani.

War es Zufall oder Schicksalsfügung, dass die beiden Künstler sich gefunden haben. Der eine, Jahrgang 1950,  lebte und arbeitete in Rio de Janeiro, als der andere 1984 in Norditalien geboren wurde. Inzwischen leben sie beide ihre Schaffenskraft in Italien aus.

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Progetto Contaminazioni                    Foto: CCAA-Glasgalerie

Noch bis zum 14. Mai ist das “Progetto Contaminazioni” in der CCAA-Glasgalerie in Köln zu bewundern. Dabei handelt es sich um großformatige Glasobjekte, die Simone Crestani vor der Lampe geformt hat. Anschließend wurden sie von Bruno Pedrosa in Gravurtechnik grafisch gestaltet.

Für beide Künstler liegt die Quelle der Inspiration in der Natur. So wirken die durchsichtigen Baumwipfel und -äste wie zufällig vom Wind in Form gebracht. Die Stämme geben ihnen Bodenhaftung, die Gravuren verkörpern die nach oben strebende und sich verjüngende Rinde.

Leider ist diese Ausstellung die letzte in der seit 35 Jahren bestehenden Glasgalerie. Der Galerist Michael Ströter bleibt aber weiterhin aktiv und wird Glaskunst gelegentlich an besonderen Orten und auf Messen zeigen.

 

Begegnung im Schnee

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Foto: Skirama Kronplatz

Ein etwas anderer Nachruf

Zaha M. Hadid hat Architektur auf die Spitze getrieben. Nirgends ist mir das klarer geworden als auf dem Kronplatz in Südtirol. Dort steht das Messner Mountain Museum (MMM Corones). Wobei „stehen“ nicht der richtige Ausdruck ist für dieses Gebäude, das sich quasi in die Landschaft schmiegt. Die Philosophie Reinhold Messners, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen auf dem ohnehin schon (ski-)touristisch bestens erschlossenen Kronplatz, konnte einfach niemand anders umsetzen als Zaha Hadid.

„Am Kronplatz geht der Blick in alle vier Himmelsrichtungen über die Landesgrenzen hinaus: von den Lienzer Dolomiten im Osten bis zum Ortler im Westen, von der Marmolada im Süden bis zu den Zillertalern im Norden“, erklärt Reinhold Messner. „Der Kronplatz beherbergt nun das Highlight meiner Bergmuseen, einen Ort der Stille, der Entschleunigung und unvergessener Ausblicke. Dieser Rückzugsraum öffnet alle menschlichen Sinne für das Darüber und Dahinter. Die Berge werden zum Erfahrungsraum, Teil unserer Kultur. Im Geistesflug über alle Gipfel hinweg gilt es sie neu wahrzunehmen.“

Das Raumschiff für die Geistesflüge der Besucher ist aus Beton. Zaha Hadid hat die Utopie des Bauens ins Hier und Jetzt geholt. Formen und Räume fließen ineinander. Im MMM Corones, dessen größter teil unterirdisch angelegt ist, bildet der beton eine Einheit mit der Natur, vor allem im Winter, wenn das obere Stockwerk des Gebäudes wie ein gigantisches Iglu aus dem Schnee ragt. „Die Assoziation war eine ausgespülte Gletscherhöhle, die wir als Landschaft interpretierten“, sagt Peter Irmscher, der das Projekt als Zaha Hadids leitender Architekt betreute.

Obwohl ich die Faszination des Bergsteigens nicht nachempfinden und dementsprechend wenig mit den hier vom Museumskurator Messner zusammengetragenen Erinnerungsstücken anfangen kann, war bei meinem Besuch im Januar die Anziehungskraft der architektonischen Hülle enorm. Wie von den Architekten gewollt, wurde ich quasi in die Ausstellungsräume nach unten „gesaugt“. Die Art, wie die Sichtachsenangelegt sind, wie sich mir das Bergpanorama aus verschiedenen Blickwinkeln offenbarte, hat die Pause vom Skifahren zum unvergleichlichen Erlebnis werden lassen.th_c8b674df7200c012fd1ce2aa90b39915_zahahadidbystevedouble_forweb_0272

Die Symbiose aus Felsgestein und Stahlbeton in über 2.200 Metern Höhe ist eines der letzten Denkmäler, das sich Zaha Hadid setzen konnte. Gestern, am 31. März 2016, ist sie im Alter von 65 Jahren gestorben.

Zaha M. Hadid

Das MMM Corones ist vom ersten Sonntag im Juni bis zum zweiten Sonntag im Oktober und von
Ende November bis Mitte April (entsprechend den Öffnungszeiten der Seilbahnen) täglich von 10 bis 16 Uhr  geöffnet. Man erreicht es am besten mit der Seilbahn von Bruneck aus. Der Museumseintritt beträgt 8 Euro für Erwachsene, 4 Euro für Kinder.

Weitere Informationen unter www.messner-mountain-museum.it/corones/museum/

Mein Osterprogramm: Museumsbesuche

Langweilig wird es in NRW nie. Unsere Museen lassen sich immer wieder interessante Ausstellungen einfallen. Meine Favoriten und gleichzeitig mein Besuchstipp für die Osterferien sind das Museum Folkwang in Essen und das LVR-Industriemuseum in Ratingen.

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“Schuld und Sühne” von Tomi Ungerer

 

Tomi Ungerer erlangte Weltruhm als provokativer Grafiker, als genialer Kinderbuchzeichner und scharfzüngiger Autor. Noch bis zum 16. Mai präsentiert das Museum Folkwang über 170 überwiegend unveröffentlichte Collagen, Zeichnungen und Plastiken des Künstlers aus fünf Jahrzehnten.

Tomi Ungerers Rang als Autor und Illustrator gründet auch auf satirischen und gesellschaftskritischen Werken, die sich dezidiert an ein erwachsenes Publikum richten. Seit den 1950er Jahren entstehen Collagen als integraler Bestandteil seines Gesamtwerks. Die Ausstellung “Tomi Ungerer.INCOGNITO” bündelt diesen Aspekt des abwechselnd in Irland und Frankreich lebenden Künstlers. Der größte Teil der Werke war noch nie öffentlich zu sehen und wurde eigens für die Ausstellung aus Ungeres Archiv ausgewählt.

Tomi Ungerer. INCOGNITO, Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen.

Ostern an allen Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet, sonst Samstag, Sonntag, Dienstag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag und Freitag von 10 bis 20 Uhr.

Die Macht der Mode

_0000018“Nie wieder hat es einen Modewandel in dieser Radikalität gegeben wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts”, sagt Claudia Gottfried. Als Kuratorin der Ausstellung „Die Macht der Mode. Zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik“ in der Textilfabrik Cromford in Ratingen hat sie mehr als 130 Originalkostüme und viele weitere historische Exponate in Szene gesetzt. Sie lassen die Zeit zwischen 1900 und 1930 wieder lebendig werden. Die Klassiker der Mode der 1920er Jahre, der sogenannte ‚Stresemann‘ und Charlestonkleider sind ebenso vertreten, wie die Reformkleider der 1910er Jahre, Sportbekleidung für Frauen und ein ausgefallener Staubmantel für Autofahrerinnen.

Wie aber kam es zu diesem radikalen Wandel? Im Zuge einer rasanten Modernisierung aller Lebensbereiche passten die großen Roben des Kaiserreichs nicht mehr in die modernisierte Welt. Die Schleppkleider verschmutzen schnell und erschwerten beispielsweise den Ein- und Ausstieg in die Straßenbahn, da sich die Röcke in den Rädern und SpeG29__1ichen verfangen konnten. Neue Kleidung und ein neues Bekleidungsschema mussten her und Ideen wurden in den unterschiedlichsten Bereichen entwickelt. Mediziner, Gesundheitsreformer und Vertreterinnen der Frauenbewegung kritisierten schon lange das Korsett als gesundheitsgefährdend. Die Kleiderreform umfasste den Verzicht auf das Korsett und die zahlreichen, schweren Unterröcke. Die Oberbekleidung wurde zweckmäßiger, sachlicher und ließ den Trägerinnen und Trägern mehr Bewegungsfreiheit.

Und dann erschütterte der Erste Weltkrieg die Gesellschaft. Wie bei der Lebensmittelversorgung unterlag auch der gesamte Bereich der Textilien und Kleidung der Kriegswirtschaft, alle Ressourcen wurden für das Militär beschlagnahmt. Der extreme Mangel an Textilien führte zu einem neuen, puristischen Modestil. Auch nach dem Krieg blieb es bei dem sparsamen Einsatz von Stoff in der Modebranche und so avancierte das kleine, kurze Charlestonkleid zu einem modischen „must-have“.

Das LVR-Industriemuseum präsentiert Originalkostüme aus seiner umfangreichen Sammlung zur Geschichte der Mode und Bekleidung. Accessoires, Objekte aus dem Alltag sowie zahlreiche Fotografien ergänzen die Schau. Die Ausstellung zeigt auf, wie die Mode und Kleidung in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts G19_auf die rasanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen reagierten. Die Mode passte sich der sich wandelnden Gesellschaft an, fand neue Formen für einen vereinfachten Kleidungsstil, der den Anforderungen des modernen Lebens entsprach.

„Die Macht der Mode. Zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik“,  LVR-Industriemuseum Textilfabrik Cromford, Cromforder Allee 24, 40878 Ratingen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr

Karfreitag und Ostermontag geschlossen

 

 

 

 

 

Migranten und die Zukunft Europas

Der folgende Beitrag zum Thema “Flüchtlinge” hat mich sehr berührt. Der Autor, Basil Kerski, ist Chefredakteur des Deutsch-Polnischen Magazins DIALOG und Direktor des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig. Ich veröffentliche ihn hier, damit er mehr Leser erreicht. Bitte nehmt Euch die Zeit für diese persönlichen, deutsch-polnischen Überlegungen meines geschätzten Kollegen:

Migranten und die Zukunft Europas

Der Begriff der europäischen Solidarität wird in immer enger verstanden, und dies betrifft nicht nur die wohlhabenden Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, sondern auch jene, denen am Erfolg der europäischen Idee sehr gelegen ist. Viele EU-Bürger träumen von neuen Eisernen Vorhängen auf dem Kontinent. Die europäische Politik der offenen Grenzen ist gefährdet. Welch Ironie der Geschichte: Erst im vergangenen Jahr wurde der Abbau des Eisernen Vorhangs durch die ungarische Regierung gefeiert; heute errichten die einstigen ungarischen antikommunistischen Revolutionäre neue Mauern.

Ich erlaube mir, meine Überlegungen mit einem persönlichen Geständnis zu beginnen: Aufgrund meiner Biografie, meiner Familiengeschichte werde ich gegenüber Migranten, Flüchtlingen immer Empathie empfinden. Ich war in meinem Leben mehrmals gezwungen, die Grenzen von Kulturen, Nationen und Staaten zu überqueren. Meine Mutter ist Polin, mein Vater Iraker. Geboren bin ich im kommunistischen Danzig, meine ersten Lebensjahre verbrachte ich in Polen. Als ich mit meinen Eltern im Urlaub im Irak war, wurden wir dort zurückgehalten. Da mein Vater Arzt war, durfte er das Land nicht verlassen, mehr noch – er wurde zur Armee einberufen und einige Zeit später sogar an die Front des irakisch-kurdischen Krieges geschickt. Wir mussten im Irak bleiben. Es war eine schwierige Erfahrung. Später reiste ich mit meiner Mutter zwischen Polen und dem Irak – ich bewegte mich in zwei Kulturen.

Meine Kindheit im Irak war noch eine Zeit der Multikulturalität an Euphrat und Tigris. Ich spielte draußen mit irakischen Christen und Muslimen, in Bagdad lebten damals viele nicht gläubige bürgerliche Familien, die sich am westlichen Lebensstil orientierten. Meine Eltern waren dennoch fest davon überzeugt, dass trotz des wachsenden Wohlstands im Irak, es dort für uns keinen Platz gab; dass Saddam Hussein, der Führer der nationalistischen Baath-Partei, ein totalitäres System aufbauen würde. Meine Eltern stellten sich als weitsichtig heraus, und die politische Entwicklung im Irak bestätigte ihre Befürchtungen.

Sie träumten von einer Ausreise und einem Leben in der Freiheit. Die irakischen Grenzen waren für junge, gut ausgebildete Menschen geschlossen. Mein Vater durfte das Land nicht verlassen. Schließlich gelang es ihm 1976, einen Reisepass zu bekommen, um mit uns zusammen nach Danzig zu reisen. Ein Familienbesuch in Polen stellte für das irakische Regime einen glaubwürdigen Reisegrund dar. Außerdem gab es ja in Polen eine kommunistische Diktatur, Polen steckte in einer tiefen Krise, und so glaubte die irakische Regierung nicht, mein Vater würde seine gute Arztstelle im Irak aufgeben. Die Freiheit stand jedoch für meine Eltern an erster Stelle.

Nach der Flucht kehrten wir in das Heimatland meines Vaters nie wieder zurück. Den Irak zu verlassen, hieß für mich einen neuen Prozess der kulturellen Anpassung zu beginnen. Ich ging auf eine polnische Schule, denn nach meiner Schulzeit im Irak musste ich meine Polnischkenntnisse aufbessern. Aber die Umsiedlung nach Polen sollte nicht die einzige Migrationserfahrung meiner Familie bleiben. 1978 wanderte mein Vater nach West-Berlin aus, da es für ihn im kommunistischen Polen weder einen Platz, noch Aussichten gab. Ein Jahr später schlossen meine Mutter und ich uns ihm an. Erneut fand ich mich in einem neuen Kulturraum wieder und musste eine neue Sprache erlernen.

Die Migrationserfahrungen haben mich wesentlich geprägt, meinen Horizont erweitert. Ich habe den Eindruck, ich kann Europa aus einer breiteren, globalen Perspektive betrachten. In Migration, in der Begegnung von Kulturen sehe ich viel positives Potenzial und nicht nur eine Gefahr. Mir ist bewusst, dass es schwierig ist, zwischen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Migrationsgründen klare Grenzen zu ziehen, zwischen gewöhnlichen Migranten und Flüchtlingen zu differenzieren. Es fällt uns Europäern leicht, über Migranten zu urteilen, sie würden nicht aus politischen, sondern aus „rein“ wirtschaftlichen Gründen Schutz in der Europäischen Union suchen. Dabei wird aber häufig vergessen, in welchem Maße unsere Politik gegenüber anderen Kontinenten oder europäischen Regionen außerhalb der EU zur Armut und zu den Konflikten im Süden beigetragen hat, wie sehr diese Konflikte ein Ergebnis unseres Protektionismus sind – der geschlossenen Märkte und postkolonialen Interessen.

Ich weiß, der Weg zur Integration ist lang und schwierig. Ich hatte die Möglichkeit, den Integrationswillen von Migranten kennenzulernen, ihre große Anstrengung, sich eine neue Sprache und Kultur anzueignen, ich kenne ihren Respekt gegenüber ihrer neuen Heimat. Aber genauso ist mir das Scheitern von Integrationsversuchen bekannt, das zum Beispiel daraus resultieren kann, wenn jemand im fortgeschrittenen Alter ausgewandert und nicht mehr imstande ist, sich in eine neue Gesellschaft einzugliedern. Ich lernte ebenfalls die mangelnde Bereitschaft der Gesellschaft für die Aufnahme von Flüchtlingen kennen, sah verschlossene Türen. Der gute Wille und die Anstrengung von Migranten allein reichen nicht, das ist nur ein Teilaspekt des Integrationsprozesses. Ich erlebte auch die Angst einer Gesellschaft vor dem Anderen – diese Ängste, diese Abneigung sind universell. Für den eigenen Seelenfrieden versuchte ich, die Demütigungen zu vergessen, die mir aufgrund meines Andersseins widerfahren waren. Lieber erinnere ich mich an die positiven Erfahrungen, an die Freundlichkeit, an das Interesse an den Kulturen, die ich in mir trage. Dennoch möchte ich die Probleme mit der Begegnung mit dem Anderen nicht bagatellisieren. Ich bemühe mich, die Angst vor dem Fremden zu verstehen, mich interessiert die Frage, wie sie zu überwinden ist. Wir sollten diese Ängste auf jeden Fall akzeptieren, sie ernstnehmen, die betreffenden Menschen dabei unterstützen, ihre Befürchtungen in Ruhe zu äußern und sie auf diesem Wege vorbereiten, sich gegenüber dem Anderen zu öffnen.

Wären meine Eltern und ich nicht aus dem Irak geflüchtet, wäre ich also nicht selbst ein Flüchtling geworden, wäre ich heute vermutlich nicht mehr am Leben – in den vergangenen 30 Jahren wurde der Irak von mehreren Kriegen heimgesucht, die mich unmittelbar betroffen hätten. Daher liegt mir viel daran, die Flüchtlingsproblematik nicht nur aus dem Blickwinkel jener Staaten zu betrachten, die Flüchtlinge aufnehmen, nicht nur aus der Perspektive ihrer Möglichkeiten, sondern auch die Gegenseite genauer anzusehen: Wer sind die Flüchtlinge? Woher und warum kommen sie zu uns? Vielen Menschen fehlt das nötige Wissen zu diesem Thema. Was uns ebenfalls fehlt, ist eine langfristige Perspektive.

Integration ist nicht nur eine Frage der Anstrengung und Bereitschaft von Migranten, sich in die Kultur des Staates einzufügen, in dem sie sich niederlassen wollen, sowie in die Gesellschaft, die Migranten aufnimmt. Dieser Prozess geht in beide Richtungen, was in den heutigen Debatten nur zu selten thematisiert wird: Integration gelingt, wenn man Flüchtlinge integrieren will, wenn man sie aufnimmt und sie bei ihren Assimilationsversuchen unterstützt. In einem solchen Fall werden sie schnell Teil unserer Gesellschaft, tragen zu deren Wohlstand bei, und ihre Kinder sind natürliche Bürger der Nation, die sie aufgenommen hat. Das ist die vorherrschende Dynamik. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Voraussetzung für eine gelungene Integration der gute Wille und die Offenheit von Gesellschaften sind.

Ich werde erneut auf meine eigenen Erfahrungen zurückgreifen: Nach der Rückkehr aus dem Irak fiel mir der Einstieg in eine polnische Schule sehr schwer. Die kulturelle Verschlossenheit der Volksrepublik Polen war bedrückend, Rassismus war präsent. Kinder riefen mir „Araber, Araber“ hinterher. Aber bereits nach einem halben Jahr wurde ich zum festen Bestandteil meiner Schulklasse. Dies war in Hinsicht auf die polnische Gesellschaft eine interessante Erfahrung: Sie reichte von anfänglicher Abneigung bis hin zu vollkommener Akzeptanz. Ich habe verstanden, dass diese Gesellschaft widersprüchliche Elemente in sich birgt – nicht nur Ängste und Vorurteile, sondern auch ein Potenzial an Toleranz und Brüderlichkeit, nur muss verstehen diese positiven Energien freizusetzen – in diesem Punkt sind Autoritäten gefragt.

Wie bereits erwähnt, fand ich mich Ende der 1970er Jahre in West-Berlin wieder. Damals hatte die Bundesrepublik bereits einige Erfahrungen in der Aufnahme von Migranten, wehrte sich aber noch gegen die Idee einer multikulturellen Gesellschaft. Ein Hindernis auf dem Weg zu einer solchen Gesellschaft war die deutsche Interpretation des Staates als ethnische, nicht politische Gemeinschaft. Wer deutsche Vorfahren hatte, konnte seinen Aufenthalt sofort legalisieren, bekam die Möglichkeit, an einem Deutschkurs teilzunehmen, erhielt finanzielle Unterstützung; auch Studienabschlüsse wurden problemlos anerkannt. Niemand fragte, wer seine Vorfahren eigentlich waren – vielleicht handelte es sich dabei um deutschsprachige Polen? Die Vorstellung, dass man Menschen in Mitteleuropa nach derart einfachen ethnischen Kriterien definieren kann, ist eine gefährliche Illusion.

Anfangs lebte meine Familie ohne Hoffnung auf eine schnelle rechtliche Regelung ihres Aufenthalts. Unsere „Rettung“ war die Verhängung des Kriegsrechts in Polen im Dezember 1981, die – so schien es – unsere potenzielle Rückkehr verhinderte. Die bundesdeutschen Behörde n konnten uns nicht mehr ausweisen, außerdem bekam mein Vater, als Iraker, politisches Asyl und konnte seinen Beruf als Arzt ausüben.

In Deutschland, wo die Einwanderungspolitik nach wie vor nicht optimal geregelt ist, sind seit dieser Zeit einige wichtige Änderungen vorgenommen worden. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre (während der rot-grünen Regierungskoalition) begann die Bundesregierung offen darüber zu sprechen, dass Deutschland eine Nation von Zuwanderern, ein multikultureller Staat sei, der seit Jahrzehnten Einwanderer aufnähme. Die Generation der Kinder der ersten Gastarbeiter betrat die politische Bühne. Es begannen Reformen des Staatsangehörigkeitsrechts, die Definition der Nation wurde um eine politische Komponente erweitert. Im Endeffekt ist heute auch jener Bürger ein Deutscher, der keine deutschen Vorfahren hat. In immer mehr Fällen wird auch eine doppelte Staatsbürgerschaft akzeptiert. Es ist eine politische und kulturelle Revolution. Auch gibt es Änderungen im Bildungsbereich, die die multikulturelle Geschichte Deutschlands berücksichtigen. In den Schulprogrammen taucht die Geschichte Mitteleuropas auf, es werden Sprachen unterrichtet, die von großen Migrantengruppen gesprochen werden (Türkisch, Italienisch, Spanisch, aber auch – wie an der Schule, die mein jüngerer Sohn in Berlin besucht – Polnisch).

Im Kulturbereich, in der Politik und in den Medien tauchen immer häufiger starke Stimmen von Personen mit Migrationshintergrund auf, die bereits in Deutschland geboren sind, ausgezeichnetes Deutsch sprechen und ihre Zugehörigkeit stark hervorheben. Ein solches Beispiel ist der Chef der Grünen Cem Özdemir, die stellvertretende Regierende Bürgermeisterin von Berlin Dilek Kolat, der Filmregisseur Fatih Akim oder ganz und gar deutsche Schriftsteller wie Ilija Trojanow und Navid Kermani.

Gewiss ist es erst der Anfang einer kulturellen Öffnung Deutschlands. Es ist noch zu früh, um von einem positiven „deutschen Modell“ der Integration zu sprechen. Dieser Prozess stößt auch auf Proteste, wie die der fremdenfeindlichen, antiislamischen Bewegung PEGIDA, die paradoxerweise dort am stärksten vertreten ist, wo es keine Ausländer gibt: in Sachsen und in den anderen östlichen Bundesländern.

Aber bereits heute lassen sich positive Aspekte in der Entwicklung der politischen Kultur der Berliner Republik feststellen. Die Solidaritätswelle mit den Flüchtlingen aus dem Süden, die seit einigen Monaten zu beobachten ist und die an die Solidaritätswelle mit der polnischen Solidarność in den 1980er Jahren erinnert, ist kein Ergebnis einer „naiven“ politischen Korrektheit. Genauso wenig, wie es in Polen häufiger geschrieben wurde, das Ergebnis „eines schlechten Gewissens aufgrund der deutschen Verbrechen während des Dritten Reichs“. Die Bereitschaft zur Hilfe ist eher auf Erfahrung mit Einwanderern zurückzuführen. Für die heutigen Deutschen sind Flüchtlinge, Migranten keine Phantome. Sie sind ihre Nachbarn, und das bereits seit Jahrzehnten. Die Deutschen sammelten gute Erfahrungen mit Einwanderern, sogar mit jenen, die aus fremden Kulturen kamen.

In Polen hingegen wird zurzeit eine absurde Debatte über die Gefahren der Migration geführt und insbesondere der Einwanderung von Muslimen. Der Ursprung dieser Ängste sind keine unmittelbaren Erfahrungen, da in Polen nur 0,3 Prozent Ausländer leben und das Land kaum direkte Kontakte mit dem Islam hat. Nur einige wenige Polen sehen ein, dass Muslime aus Syrien vor dem radikalen Islamismus flüchten und ein Großteil der islamischen Welt den Islamischen Staat verurteilt, der ja keine religiöse, sondern eine totalitäre, faschistische Bewegung ist. Die Deutschen können zwischen dem Islam und dem politischen Radikalismus, der sich Religion auf die Fahne schreibt, unterscheiden, da sie mit Muslimen seit Jahrzehnten zusammenleben.

Man sollte sich auch die Tatsache vergegenwärtigen, dass Europa als Kontinent an den dynamischen Migrationsprozessen nur wenig beteiligt ist. Starke Migrationswellen entstehen dort, wo Staaten zusammenbrechen und Kriege geführt werden – im Nahen Osten, in Afrika, in Südamerika. 90 Prozent der Flüchtlinge aus Syrien werden heute von den Nachbarländern aufgenommen: vom Libanon, von Jordanien und der Türkei. In der Türkei halten sich etwa zwei Millionen syrische Flüchtlinge auf, Hunderttausende flüchteten in den Libanon und nach Jordanien, nur ein Teil von ihnen versucht, nach Europa durchzukommen. Und angesichts dieser Sachlage will Polen noch überlegen, einige Tausend Flüchtlinge aufzunehmen?

Im Großen und Ganzen gibt es derzeit vier Quellen für Migrationswellen in die Europäische Union: Die erste von ihnen ist in Nord- und Zentralafrika zu verorten, wo verschiedene Faktoren zusammenkamen: klima-, ethnisch und religionsbedingte Kriege, die einen Zusammenbruch von Staaten zur Folge hatten. Eine wichtige Rolle spielte auch das teilweise Scheitern der arabischen Revolutionen (ausgenommen Tunesien, wo die Revolution den Weg für die Transformation öffnete), das zu ernsthaften Unruhen beispielsweise in Libyen führte.

Die zweite Quelle befindet sich im Nahen Osten, wo die Zahl der Opfer des syrischen Bürgerkrieges unerwartet groß ist. Von großer Bedeutung ist auch die Erosion des irakischen Staates und das Vorgehen des Islamischen Staates, die Fluchtversuche aus der Region nach sich ziehen.

Die dritte Quelle stellt der Krieg in der Ukraine dar. Bisher fanden große Migrationswellen nur innerhalb der Ukraine statt, wo die Selbstverwaltungen der Zielregionen den Aufenthalt der Ukrainer aus dem Osten organisierten. Sollte die politische und wirtschaftliche Lage in der Ukraine noch stärker destabilisiert werden, wird die Migration in Richtung Westen zunehmen.

Ich habe nicht den Eindruck, dass politische Flüchtlinge und Menschen, die vor Konflikten flüchten, die Sorgen innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten verstärken. Denn bisher zeigten sich die EU-Bürger gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak eher empathisch. Anders verhält es sich in Bezug auf die vierte Migrationsquelle: die Wanderungen innerhalb Europas – aus dem Osten (darunter auch aus Polen) und dem Süden in die reichsten EU-Länder: nach Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Schweden. Die europäische Migrationswelle aus den ärmeren Regionen in die wirtschaftlich starken Zentren des Kontinents stellt für die EU-Länder eine große politische Herausforderung dar, denn sie wird zur Antriebskraft für die Entstehung antieuropäischer Haltungen, für die Nostalgie nach einem exklusiven, nicht solidarischen Europa, für die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft wohlhabender Länder, die sich von den armen europäischen Nachbarn im Osten und Süden abgrenzen. Im Endeffekt träumen viele EU-Bürger von neuen Eisernen Vorhängen auf unserem Kontinent. Die europäische Politik der offenen Grenzen ist gefährdet. Welch Ironie der Geschichte: Im vergangenen Jahr wurde der Abbau des Eisernen Vorhangs durch die ungarische Regierung gefeiert, und heute errichten die einstigen ungarischen antikommunistischen Revolutionäre neue Mauern.

Der Begriff der europäischen Solidarität wird immer enger verstanden, und dies betrifft nicht nur die wohlhabenden Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, sondern auch jene, denen am Erfolg der europäischen Idee sehr gelegen ist. Die negativen Äußerungen polnischer Politiker über die Solidarität der europäischen Länder in der Frage der Migrationspolitik haben die Position Polens auf der internationalen Bühne geschwächt. Will Polen seine starke Position in Europa beibehalten, darf es sich vor einer aktiven Beteiligung an der EU-Flüchtlingspolitik nicht drücken. Eine Krise des europäischen Solidaritätsbegriffs würde Polen schwächen und EU-Gegner stärken. Ausgerechnet Polen sollte viel daran liegen, dass das europäische Solidaritätsverständnis nicht an Glaubwürdigkeit verliert, davon hängen die Weiterentwicklung des polnischen Staates sowie seine Souveränität ab. Polen brauchen finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau ihres im Zweiten Weltkrieg und im Kommunismus zerstörten Landes; die polnische Sicherheitspolitik braucht die Solidarität Europas mit der um ihre Souveränität kämpfenden Ukraine, Polen ist Initiator der Idee der europäischen Energie-Gemeinschaft, welche Europa vor der neoimperialen Politik Russlands schützen soll. Um die strategischen Ziele seiner Politik umzusetzen, sollte Polen solidarisch sein, mit den Ländern, die Hilfe bei der Integration von Flüchtlingen benötigen. Die Haltung gegenüber den Herausforderungen der Migration wird somit zum entscheidenden Testfall für die polnische Europa-Politik.”

Basil Kerski

Aus dem Polnischen von Monika Satizabal Niemeyer

 

 

 

Karneval in Kölner Sälen

Wo sind die Frauen?

Auftakt

Weil die Session diesmal so kurz ist, starteten die traditionellen Sitzungen diesmal zeitgleich mit der Prinzenproklamation. Angesichts eines großen karnevalistischen Personals kein Problem, die Säle voll und das Programm attraktiv zu gestalten. Und die Spitzenkräfte sind es seit je gewohnt, in Windeseile die Auftrittsorte zu wechseln. Los geht es sowieso immer mit dem Aufmarsch hunderter Männer des jeweiligen Traditionscorps, dessen Verein die Sitzung ausrichtet oder das an diesem Abend keine eigene Sitzung hat. Bei der CDU-Sitzung im Maritim bestritten die Roten Funken die erste Dreiviertelstunde des Programms, wobei schon fast die Hälfte des Auftritts Ein- und Ausmarsch der etwa 250 Männer und einer Frau einnehmen.

Apropos Frauen: Wo sind sie? Außer bei den Tanzcorps, in denen man nicht auf sie verzichten kann, und der Partnerin des Tanzoffiziers bei den Traditionscorps – genannt Funkenmariechen – Fehlanzeige. Dabei gibt es durchaus weibliche Spitzenkräfte, die man aber vor allem bei den alternativen Sitzungen erleben kann. Abgesehen vom Tanzcorps „Pink Poms“ ist „Deine Sitzung“ mit Präsidentin Carolin Kebekus auch in Sachen Quote ein Vorbild. Die hier nun schon im zweiten Jahr auftretenden Rockemariechen machen ihrem Namen alle Ehre und haben bereits beim Höhner-Konzert in der Lanxess-Arena bewiesen, dass sie selbst größere Säle zum Kochen bringen. Sowohl musikalisch als auch textlich sind sie den bekannten Männer-Bands allemal ebenbürtig.

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Foto: Felix Mayr

Am Tag 8 nach den Ausschreitungen am Silvesterabend bemerkenswert, dass die Bläck Fööss ihr Programm bewusst mit dem „Stammbaum“ beginnen. Hatte doch die von Erry Stoklosa angestoßene Diskussion zu diesem Lied noch vor einem Vierteljahr für Aufregung gesorgt.

Ohrwürmer konnte ich unter den neuen Sessionshits noch nicht ausmachen, aber vielleicht hat „Leev Marie“ von den Paveiern das Zeug dazu. Bereitwillig übt das jeweilige Publikum unter Anleitung von Frontmann Sven Welter den Refrain: “Leev Marie, ich bin kein Mann für eine Nacht, leev Marie, das habe ich noch nie gemacht. Es muss die wahre Liebe sein. Für eine Nacht bleib ich lieber allein.”

Die Session ist extrem kurz. Mit dem Besuch einer oder mehrerer Sitzungen sollte man also nicht zögern. Zwar sind die meisten ausverkauft, aber einige Restkarten gibt es für Kurzentschlossene meistens doch noch.

 

Rheinlandtaler an Pantheon

Ohne Umsatz kein Vereinslokal

 

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Über den Rheinlandtaler für das Pantheon Theater freuen sich (v.l.) Günter Horn, Vorsitzender des Kulturförderkreises Pantheon e.V., und Theaterchef Rainer Pause. Die Auszeichnung überbrachte der Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland,  Jürgen Wilhelm                                                                                                   Foto: LVR

Noch nie in seiner 40-jährigen Geschichte ist der Rheinlandtaler, die höchste Auszeichnung des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) für Kulturschaffende, einem Theater verliehen worden. Aber heute war es soweit. Professor Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Landschaftsversammlung, bezeichnete in seiner Laudatio das 1987 gegründete Pantheon als „Sprachrohr der satirischen Opposition schlechthin“ und hob seine Verdienste um „die Definition, Schärfung und Vermittlung rheinischen Wesens, rheinischer Lebensart und rheinischer Identität“ hervor. „Ein Rheinland ohne das Pantheon ist undenkbar, ein Bonn ohne Pantheon erst recht“, sagte Wilhelm. Das scheint die Bonner Stadtspitze anders zu sehen, denn im Gegensatz zu den angrenzenden Landkreisen hatte sie keinen Repräsentanten zu dieser Preisverleihung entsandt.

Wie zuvor der Vorsitzende des Kulturförderkreises Pantheon e.V., Professor Dr. Heinz Günter Horn, ging auch der Laudator auf das Ende des Pantheon-Domizils am Bundeskanzlerplatz im Laufe des Jahres 2016 und die schwierige Suche nach einer neuen Spielstätte ein. Die plastischste Schilderung dieser Verwaltungsposse lieferte jedoch Rainer Pause – nicht als Chef und Gründer des Pantheon Theaters, sondern als Alterspräsident des fiktiven Heimatvereins Rhenania. Unter der launigen Überschrift „Ohne Umsatz kein Vereinslokal“ schilderte er die Suche nach einem neuen Standort und zeigte sich verwundert über die ablehnende Begründung im Beethoven-Forum, das kabarettistische Wirken dort werde als „Behinderung der Entwicklung der klassischen Musik in Bonn“ gesehen. Nun also der schmerzliche Schritt über den Rhein nach Beuel in die Backsteinhalle. Symbolisch reichte Litzmann der einzigen Beuelerin im Saal, die sich als solche zu erkennen gegeben hatte, die Hand. Eine überraschende Geste für jemanden, der bislang „bestenfalls zum Sterben“ auf das andere Rheinufer übersiedeln wollte.

Die launige Rheinlandtaler-Verleihung, eingebettet in den Neujahrsempfang des Kulturförderkreises, endete versöhnlich mit der Europa-Hymne, in deren Vortrag Norbert Alich, Stephan Ohm und Rainer Pause – rappend! – ihr ganzes bewährtes Können legten.

Tschechische Impressionen

Pressereise vom 16. bis 19. November 2015

Erster Tag

Die Sonne scheint bei milden 16 Grad. Im Biergarten der Klosterbrauerei Strahov wird sogar noch draußen serviert.

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Das 1140 von Herzog Vladislav II. und seine Gemahlin Gertrud von Babenberg auf dem Berg Strahov (deutsch auch Strohhof) gegründete Prämonstratenserkloster soll die größte Klosteranlage Tschechiens sein. Sie beherbergt eine Bibliothek mit 130.000 Büchern, die zum Teil noch erheblich älter sind als das Kloster. Leider können wir den auf Fotografien wunderschön aussehenden Lesesaal nicht besichtigen. Das geht nur mit Gruppenvoranmeldung. Enttäuschung: Für eine Journalistengruppe, die auf Einladung der staatlichen Tourismuszentrale reist, könnte man so etwas doch wohl arrangieren. Der herrliche Blick von hier oben auf die Stadt entschädigt ein wenig.

Das Prager Gemeinde- oder Repräsentationshaus (tschechisch Obecní dům) befindet sich am Platz der Republik Nr. 5 neben dem Pulverturm. Es wird von den Pragern als Symbol für 100 Jahre kulturelles Leben gesehen. Das riesige, zehn Stockwerke hohe Gebäude wurde zwischen 1905 und 1912 erbaut und vereint in seinem Inneren Art Deco, Empire- und Jugendstil mit orientalistischen Elementen.

20151116_164452_resized20151116_163112_resized20151116_165847_resizedDie einzelnen, heute für kulturelle Veranstaltungen und Empfänge genutzten Säle tragen die Namen ihrer Stifter. Bedeutende tschechische Künstler haben sich hier selbst Denkmäler gesetzt, vor allem in der bildenden Kunst. Der Smetana-Saal ist der zweitgrößte Konzertsaal Prags. Die Grégor-Halle gilt als wichtigster Saal des ganzen Landes, weil hier am 28. Oktober 1918 die tschechische Republik ausgerufen wurde.

Sehenswert neben den eindrucksvollen Räumlichkeiten ist momentan die Ausstellung der tschechischen Designerin Blanka Matragi. Sie kam über Glas- und Keramikdesign zur Textilkunst. Vor allem ihre Abendroben sind atemberaubend schön. Eine Boutique im Erdgeschoss lädt sogar zum Kauf der aktuellen Kollektionen ein – allerdings kein preiswertes Vergnügen.

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Nach dem Pomp und der üppigen Designpracht in diesem Gebäude tut der Kaffee in der Kavárna Modrý Orel (Tyn 643) gut. Das Lokal hat keine 20 Plätze, aber Kaffee und Kuchen sind echte Handarbeit. Die Dekoration wohl auch.

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Bei all den schönen Erlebnissen ist mir allerdings etwas sehr negativ aufgefallen: Mit der Prager Frankreich-Solidarität ist es nicht weit her. Es gab um 12 Uhr keine Schweigeminute, und die Fahnen auf öffentlichen Gebäuden wehen nicht auf Halbmast. Die polnischen, slowakischen und tschechischen Kollegen wundern sich darüber, dass uns Deutschen das auffällt. Sie sind der Meinung, dass die Vorkommnisse in Paris sie und ihre Länder nichts angehen. Darüber wundere ich mich.

2. Tag

Regen und Bier fließen in Strömen

Nahezu pünktlich verließen wir Prag. Unsere erste Station: die Glashütte Ajeto in Lindava. Von einer Empore aus kann man hier den Glasbläsern über die Schultern schauen.

20151117_111854_resizedDas Unternehmen beschäftigt zirka 65 Mitarbeiter an zwei Standorten, davon 35 in Lindava und genießt weltweiten Ruf. Ajeto-Design sucht man allerdings auf Messen und Ausstellungen vergeblich, denn die Hütte arbeitet vornehmlich im Auftrag von namhaften Glasdesignern. „Das ist nahezu ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Manager David Sobotka und schätzt, dass es außer Ajeto nur noch zwei bis drei andere Betriebe auf der Welt gibt, die so arbeiten. Das Gebäude in Lindava haben die Firmeninhaber Petr Novotný und Libor Fafala 1990 für 2.000 Euro gekauft und 1,5 Millionen Euro investiert, um aus dem maroden Bau – bis 1945 eine deutsche Textilfabrik – ein Schmuckstück zu machen.

Originelles entstand in der Scheune: eine Mischung aus Bier-Kneipe und Schauwerkstatt, wo die Gäste selbst Hand anlegen können und sich in die Kunst des Glasblasens einweisen lassen können.

Das ist unbestritten eine Touristenattraktion der Region. Und ein Betrieb, der laut Firmensprecher Sobotka monatlich einen Fixkostenblock von 160.000 Euro tragen muss, kann jedes kleine Zubrot gut gebrauchen.

Die Brauerei Cvikov ist zu klein, um ihr Bier zu exportieren. Die aus nur sechs Personen bestehende Mannschaft hat den Betrieb erst vor einem Jahr aufgenommen – in einem Gebäude, das bis 1968 schon einmal Brauerei gewesen ist. Fünf Sorten unterscheiden sich im Alkoholgehalt – von acht bis 13 Prozent. Die sechste ist naturtrübes Bier. Noch wird fast alles in Einweg-Plastikflaschen abgefüllt. Nur zaghaft findet der Umstieg auf Glasflaschen statt. Zum Glück verstehen wir Deutschen auch etwas vom Bierbrauen. Sonst hätten wir bei diesem Termin nur Bahnhof verstanden. Milena, unsere von der Agentur eingesetzte Begleiterin war, nicht zum ersten Mal, nicht in der Lage, den Produktionsprozess in englischer Sprache zu erläutern.

Das nächste Ziel, die Stadt Liberec, erreichen wir mit Verspätung. Deshalb bleibt zu wenig Zeit, sie zu erkunden. Sie scheint aber eine Reise wert zu sein.

liberec_-_radnice_[2504x3770]Hier endlich entdecken wir Zeichen der europäischen Solidarität. Das Rathaus ist in den französischen Farben angestrahlt, in einer Nische liegen Blumen, und Kerzen brennen auch.

Das Abendessen fand entgegen der Ankündigung im „Radniční sklípek“, einem stilvollen Bierkeller im Zentrum der rund 110.000 Einwohner zählenden Stadt statt.

Das ursprünglich dafür vorgesehene Hamburger-Restaurant machte einen überaus abschreckenden Eindruck. Dafür ist das Grand Hotel Imperial, in dem wir die Nacht verbringen, eine sehr gute Adresse. Ein Kaminofen gibt der in puristischem Design gestalteten Halle ein wenig Wärme. Wie oft in durchgestylten Hotels ist Design nicht gleichbedeutend mit praktisch, vor allem in den Zimmern. Aber die Einheimischen erinnern sich noch gut an das heruntergekommene Gebäude, wie man es bei Google Earth sieht.

  1. Tag

Stürmische Begegnung

Auf den höchsten Berg der Umgebung geht es mit der Gondel. Eigentlich sollte hier in über 1.000 Meter Höhe jetzt schon Schnee liegen und die Skisaison eröffnet sein. Aber auf den grünen Wiesen unter uns stehen lediglich Schneekanonen tatenlos herum. Auf der Bergspitze erwartet uns der Rundbau eines Hotels, entworfen von dem Architekten Karel Hubacek und 1973 eröffnet.

jested_-_turistika_[2047x1535]Das Hotel verfügt über 19 Zimmer und ist vom Novembersturm umtost erstaunlicherweise ausgebucht. Aber der Rundumblick lohnt sich. Bei klarer Sicht sieht man nach Deutschland und Polen. Wir sind zunächst von Neben umgeben. Umso schöner, dass es bei der Rückfahrt mit der Gondel doch noch ein bisschen aufklart. Schade auch hier, dass der Hoteldirektor tschechisch sprach und Milena die Worte fehlten, uns die architektonischen Besonderheiten des Gebäudes auf Englisch näher zu bringen. Zu allem Unglück verpasste sie auch noch die Gondel ins Tal, so dass wir auf sie und ein paar Nachzügler über eine Stunde im Bus auf einem unwirtlichen Parkplatz auf sie warten mussten.

Die nächste Station ist Schloss Sychrov. Es ist eine bedeutende, wenn nicht sogar die bedeutendste Sehenswürdigkeit Tschechiens.

Sein beeindruckendes Interieur verdankt es der französischen Adelsfamilie Rohan, die sich im Zuge der Revolution hierher rettete und in mehreren Generationen bis 1945 blieb. Das Schloss diente der Familie zunächst nur als Sommerresidenz, im 20. Jahrhundert nahm ihre Anwesenheit hier zu. Nach der Vertreibung der Besitzer ging das Anwesen in Staatsbesitz über. Von den 180 Zimmern des Schlosses können 40 im Originalzustand des 18. Jahrhunderts erhalten gebliebenen besichtigt werden.

20151118_111949_resizedDas Schloss beherbergt unter anderem die größte Porträtsammlung Mitteleuropas, eine wertvolle Sammlung von Figuren aus Meißner Porzellan, eine Bibliothek mit 7.200 Büchern in deutscher, tschechischer und französischer Sprache. Auf der Orgel in der Schlosskapelle hat sogar Antonin Dvorak gespielt. Und die Frau des dritten Schlossbesitzers aus der Rohan-Familie war vor ihrer Ehe Gouvernante von Elisabeth, der Kaiserin von Österreich, gewesen. Sehenswert soll auch der im französischen Stil angelegte Park sein.

Dazu reichte es bei uns aber nicht. In Tschechien scheinen üppige Mahlzeiten das Wichtigste zu sein – auch oder vor allem für Journalisten.

Zum Mittagessen fanden wir uns in einer von außen unscheinbar wirkenden Kate ein. Im Kamin prasselte ein Feuer, was uns nach dem Aufenthalt in dem eisig kalten Schloss sehr wohl tat. Aber wie so oft auf dieser Reise: Obwohl die Gruppe angemeldet war, dauerte es etwa eine Stunde, bis das erste Essen aufgetragen wurde. Schmackhaft, frisch zubereitet zwar, aber zu üppig und zu viel Zeit kostend, die später fehlte.

Wer bei dem Begriff „Glasmuseum“ an etwas Langweiliges denkt, wird in Jablonec nad Nisou eines besseren belehrt. Sehr informativ, fast zu ausführlich und sehr gut aufbereitet erzählt das Museum die Geschichte der Glasverarbeitung und Schmuckherstellung, die in der Region die meisten Arbeitsplätze sichert und die Haupteinkommensquelle darstellt.

muzeum_skla_a_bizuterie_[1767x2247]Davon konnten wir uns bei Preciosa ornela überzeugen. Wer hätte gedacht, dass die Herstellung von Näh- und Auffädelperlen so langwierig ist. Bis aus geschmolzenen Glas eine Perle wird, dauert es mindestens acht Monate. „Wir sind weltweit die Nr. 1 in Qualität, Menge (vier Millionen Kilogramm jährlich) und Sortiment (150.000 verschiedene Perlen)“, berichtete Peter Puš, Managing Director des Unternehmens beim Rundgang durch die Produktion. Da der Herstellungsprozess konkurrenzlos bleiben will, durften wir nur an ausgewählten Stellen fotografieren.

Die sechs selbstgebauten Glasöfen produzieren das ganze Jahr über 24 Stunden am Tag Milliarden von Perlen aller Größen. Von 100 kg Glas bleiben am Ende weniger als 50 kg Perlen übrig. Der Abfall wird recycled und dem Produktionskreislauf wieder zugeführt.

Müde von so vielen Informationen nutzten die meisten von uns die zweistündige Bus-Rückfahrt nach Prag für ein Nickerchen. Den letzten Pressereise-Abend verbrachten wir dann im Restaurant „U Mlynare“ unweit der Prager Burg im Stadtviertel „Kleinseite“ – wieder bei deftiger Kost, auf die wir – man ahnt es schon – trotz Anmeldung über eine Stunde warten mussten.

 

  1. Tag

Maître de l‘ Affiche

Ich hatte nicht geglaubt, dass die Reise nach so vielen interessanten Einblicken noch einen Höhepunkt bereithielt. Aber das Mucha-Museum, vor allem die kompetente, hervorragend englisch sprechende Führerin dort, hat mir für diesen Art-Nouveau-Künstler die Augen und das Herz geöffnet. Ich kann den Besuch Pragtouristen wärmstens empfehlen.

20151119_104859_resizedZum Abschluss das, Sie ahnen es, liebe Leser, wiederum üppige Mittagessen, im Restaurant „Stoleti“ in der Prager Altstadt. Die Zeit bis dahin habe ich genutzt, um durch die Gassen zu schlendern, hier und da ein Foto zu machen, ein bisschen einzukaufen. Dann war der Abschied von dieser tollen Stadt auch schon da. Aber ich bin sicher, dass ich sie bald wieder besuche.

Polen tischt auf

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Von der Qualität polnischer Fleischwaren können sich Besucher der ANUGA noch bis morgen (14. Oktober) in Halle 9.1. der KölnMesse überzeugen. “Ich sehe gute Marktbedingungen für unsere hochwertigen Produkte”, sagte der Präsident der polnischen Fleischgenossenschaft, Jerzy Wierzbicki, im Rahmen eines Empfangs am Gemeinschaftsstand. Vor allem die Geflügelproduktion ist Polens Stärke. Rajmund Paczkowski, Vorsitzender des Handelsausschusses für Geflügelfleisch sieht Polen auf Platz 1 der Produzenten innerhalb der Europäischen Union und freut sich über ein jährliches Branchenwachstum von zehn Prozent. Wie wichtig dieser Wirtschaftszweig für Polen ist, unterstrich Konsul Stanisław Hebda, Leiter der Abteilung für Handel und Investitionen beim polnischen Generalkonsulat in Köln: “Der von den meist kleinen und mittelständischen Unternehmen erzielte jährliche Warenwert beträgt allein aus dem Handel mit Deutschland fünf Mrd. Euro.”

Mehr erfahren unter http://www.wirtschaft-polen.de

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Steffen Henssler hat eine neue …

… Küche.

neue Event-Location an der Elbe: die Küche von Steffen Henssler
Neue Event-Location an der Elbe: die Küche von Steffen Henssler

Dahinter verbirgt sich eine Mischung aus Kochschule und Event-Location. Bereits diese Woche fanden hier die ersten Kochkurse statt. Bei einem tollen Blick auf die Elbe lernen die Teilnehmer alles über “Hensslers Sushi-Geheimnisse”, “Das perfekte 4-Gang-Menü” oder “Hensslers Weihnachtsmenü”. Auch für die ganz Kleinen gibt es noch in diesem Jahr unter dem Titel “Santa Claus Is Coming” einen Kochkurs.

Keine falschen Töne und genau richtige Worte

Einmal Thomaner, immer Thomaner? Bei ihren Kirchenkonzerten sind die sieben Prinzen ganz in ihrem Element. Und so mancher Pfarrer wünscht sich derart gut gefüllte Besucherreihen auch bei den Sonntagsgottesdiensten. Zwischen die Lieder aus dem “Familienalbum” – so der Titel der neuen CD – mischt die Gruppe in das gut zweistündige Programm einige kleine Choräle und unterstreicht à capella ihre große Musikalität. Natürlich dürfen auch alte Hits, teilweise neu betextet oder arrangiert, nicht fehlen und werden vom über Jahrzehnte treuen Publikum mitgesungen. An Aktualität haben manche Texte – laut Sebastian Krummbiegel leider – nicht verloren.

Bis Anfang Oktober sind die Prinzen noch auf Kirchentournee. Für Mosbach, Ansbach, Heilbronn, Zittau und Rostock gibt es sogar noch Karten.

Informationen unter www.dieprinzen.de