Scharf muss sie sein

Erfunden wurde sie bereits etwa 300 Jahre vor Christi Geburt. Bis heute besitzt jeder mindestens eine. Die Schere ist einerseits ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, andererseits ein spezielles Handwerkszeug. Das Industriemuseum in Solingen hat sie nun in den Mittelpunkt einer Sonderausstellung gerückt. „Im Schnitt gut“ erzählt noch bis zum 8. November 2015 Geschichten rund um die verschiedenen Einsatzorte des Schneidgeräts.

Das Prinzip „Schere“ hat sich seit dem 17. Jahrhundert nicht geändert. Damals löste die Gelenkschere die bis dahin gebräuchliche Bügelschere ab. „Die meisten Scheren sind Spezialisten“, sagt Dagmar Thiemler, Projektleiterin der Ausstellung in der Gesenkschmiede Hendrichs. Schere ist längst nicht gleich Schere. Die Funktion bestimmt die Form. Eine Papierschere etwa unterscheidet sich deutlich von einer kleinen starken Nagelschere: Hier kurze Griffe und lange Schneiden für den exakten Schnitt, dort kurze Schneiden und lange Griffe, um unter optimaler Ausnutzung der Hebelwirkung dem harten Material zu Leibe rücken zu können. An zehn Stationen erhalten die Besucherinnen und Besucher einen Einblick in die mannigfachen Anwendungen und die Formenvielfalt von Scheren. Die Geschichte der Gartenschere, die Anforderungen an ein High-Tech Produkt wie eine Friseurschere, die stilvollen Auftritte der Papierscheren, oder der Einsatz von Scheren in der Medizin gehören auch zu den Themen der Ausstellung. Die Besucher erfahren wie Linkshänderscheren funktionieren oder wie eine Hutmacherschere aussieht.

Ja, sie habe noch eine, erzählt Ulrike Strelow, aber sie benutze sie kaum. „Anfangs fand ich die der Hutkrempenrundung angepasste, gebogene Form ganz praktisch“, sagt die Essener Modistin. Inzwischen greift sie aber je nach Material auf verschiedene Scheren zurück. Hauptanforderung an ihr Handwerkszeug: „Sie muss gut in meine Hand passen.“

Die Haptik ist auch für Friseure wichtig, die ihr Schneidgerät quasi während der ganzen Arbeitszeit in der Hand halten. Sie öffnen und schließen ihre Scheren mehrere tausend Mal am Tag. Seit den 1970er Jahren wurde in diesem Bereich viel experimentiert, um mit mikroverzahnten oder rasiermesserscharfen Schneiden den exakten Schnitt zu garantieren und durch die ergonomische Form ein möglichst entspanntes Arbeiten zu erreichen. Haarscheren für die Profis sind heute absolute High-Tech-Produkte. Zwar bearbeiten sie nur ein einiges Material, aber die Produktvielfalt ist immens groß. Einige Hersteller von Schneidwaren haben sich ganz auf die Anforderungen des Friseurhandwerks konzentriert und setzen Ideen, die in der Friseurpraxis entstehen, um. So arbeitet beispielsweise die Solinger Traditionsfirma Tondeo eng mit dem Modeteam des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks zusammen, wenn neue Schnitttechniken besondere Ansprüche an das Handwerkszeug stellen. Beispielsweise wäre ohne die „S1 organic“ die von dem Friseurehepaar Brockmann-Knoedler erfundene und patentierte Methode „organischer Haarschnitt“ kaum denkbar.

Dass die klassische Haushaltsschere zwar für viele verschiedene Materialien einsetzbar ist, zuweilen aber an ihre Grenzen stößt, weiß jeder – und hat für sein Hobby das richtige Werkzeug, zum Beispiel die Rosenschere, die Handarbeitsschere, und für die Maniküre eine Nagelschere. Bereits die Römer kannten Blechscheren. Im Mittelalter wurden sie für den Zuschnitt von Rüstungen gebraucht. Heute benötigen vor allem Installateure und Dachdecker Handblechscheren, die sich durch einen kurzen, starken Scherenkopf und lange Griffe auszeichnen. Mit vergleichsweise geringem Kraftaufwand lasen sich damit harte Materialien wie Zink-, Aluminium- und Kupferbleche schneiden.
Ein wenig aus der Mode gekommen sind hingegen Taschenscheren. Sie haben abgerundete Spitzen, damit man sie sicher in Hand- oder Hosentasche transportieren kann. Die kleinen, stabilen Helfer erweisen sich als nützlich bei Missgeschicken unterschiedlichster Art, wenn man unterwegs ist. Taschenscheren standen auch Pate für die Kinderscheren. Es gibt auch Scheren, die ihre Bedeutung inzwischen komplett verloren haben, wie etwa die Lichtputzerschere. Ohne sie hätten die Menschen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zuweilen im Dunklen gesessen.
Heute würde man wohl belächelt, wenn man zu einem besonderen Anlass eine Schere verschenkte. Aber auch das war bis im 19. Jahrhundert durchaus üblich. In der Ausstellung sind bis zum 8. November besonders schöne Stücke zu sehen, Im Begleitprogramm zeigen Friseure, ein Schneider und ein Gärtner, wie wichtig gute Scheren für ihren Beruf sind.

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